Rekonstruktion zum Ablauf der zweitägigen «Silcherfeier» 1939

Wie wurden die Künste im Nationalsozialismus konkret angeeignet und mit völkischen Projektionen aufgeladen? Ein eindrückliches Fallbeispiel dafür liefern die Tübinger Silcherfeiern vom 24. Und 25. Juni 1939 anlässlich des 150. Geburtstag des Komponisten. Die NSDAP und insbesondere ihr exzentrischer Kreisleiter Hans Rauschnabel schienen sich dabei aber eher selbst zu inszenieren und zu feiern, wenn man die vielen Zeitungsartikel, Redemanuskripte und Programmhefte aus der Zeit liest, die im Tübinger Stadtarchiv überliefert sind. In diesem Post finden Sie die rekonstruierte Chronologie der Silcherfeier, eine genau überlieferte Liederauswahl und die Rede des damaligen Tübinger Bürgermeisters (und Kriegsverbrechers) Ernst Weinmann.

Fotografie von der Grundsteinlegung des Silcherdenkmals am 25. Juni 1939.

Quellen und Hintergründe:

Die Lokalzeitung «Tübinger Chronik» (TC) berichtete 1939 im Vorfeld intensiv über die anstehende Feier, ebenso während und nach dem Event. Das gleichgeschaltete Presseorgan sparte dabei nicht mit Lob an dem Initiator und hob die Bedeutung Silchers für die völkische Bewegung hervor. Im Zentrum stand der 150. Geburtstag des Komponisten mit mehreren Festakten, ein Besuch am Grab Silchers und als Höhepunkt die Grundsteinlegung des hiesigen Monuments. Wichtigste Quelle ist das ausführliche Programm- und Begleitheft zur Veranstaltung sowie die entsprechenden Zeitungsberichte.

Die Silcherpflege war bereits vor der NS-Zeit fest im Tübinger Kulturwesen verankert. Es fanden jährliche Silcherfeiern statt und seit 1873 stand bereits ein erstes Silchermonument (ein Obelisk) hinter der neuen Aula, dem Hauptgebäude der Universität. Die Tübinger Museumsgesellschaft hatte in ihrem «Museum» den Festsaal als «Silcher-Saal» benannt. Die Aneignung durch die NS-Funktionäre erfolgte vor allem über das Ersetzen und Versetzen des Tübinger Silcherdenkmals: ein anschauliches Sandsteinabbild des Komponisten sollte den «zu kleinen» und abstrakten Obelisken aus dem 19. Jahrhundert ersetzen.

Auch die räumliche Versetzung vom Hinterhof der Universität auf die prominente Platanenallee auf der Neckarinsel im Herzen der Stadt sollte die Bedeutung Silchers hervorheben. Die Örtlichkeit des Monuments ist als runder Platz mit steinernen Sitzgelegenheiten, Bühnenelementen und einem Brunnen angelegt. Es sollte um das Monument herum eine Thingstätte[2] als «Ehrenstätte des deutschen Sängertums» entstehen und während die Plataneallee für Aufmärsche und Paraden genutzt wurde, war die Silcher-Thingstätte für musikalische und künstlerische Darbietungen konzipiert.

Der NSDAP-Kreisleiter Hans Rauschnabel inszeniert sich in seinen Ausführungen in der Lokalpresse und entsprechenden Sonderbeilagen als den «besten Silcher-Kenner», ehrt den Komponisten mit selbstgeschriebenen Gedichten und auf Silcherfeiern werden seine eigenen Chor-Kompositionen vorgetragen. Er versucht sich damit selbst als Stellvertreter des Nationalsozialismus ein Denkmal zu setzen.

Hauptverantwortliche und Akteure der Silcherfeier:

  • Hans Rauschnabel (zentrale Figur in der NS-Silcherpflege und Kreisleiter der NSDAP).
  • Dr. Ernst Weinmann (Oberbürgermeister Tübingens, Kriegserbrecher «der Henker von Belgrad»)
  • Prof. Dr. Hermann Hoffmann (Rektor der Universität Tübingen; Psychiater, Neurologe, Mediziner).
  • Ehrenprotektorat: Wilhelm Murr (Gauleiter und Reichstatthalter in Württemberg)
  • Förderung durch Christian Mergenthaler (Ministerpräsident Württemberg und Kunstminister), Jonathan Schmid (Innen- und Wirtschaftsminister Württemberg)
  • Einige direkte Nachfahren Silchers waren ebenfalls zugegen

Die Liste der Ehrengäste verrät, dass die Veranstaltung vor allem regionale Ausstrahlung hatte, die sich auf Württemberg beschränkte. Etwa 95% der angekündigten Ehrengäste kamen aus Tübingen, Stuttgart, Ulm oder standen dem Silcher-Museum in Schnaidt nahe. Darunter waren die Vorsitzenden verschiedener Chöre, regionale Vertreter von Partei, Militär, SS, Uni, Schulämter, Lehrer, Akademiker und Rechtsanwälte. 80% der erwähnten Personen stammten aus der Musikszene und waren zu 99% Männer. Angekündigt waren nur etwa fünf überregionale Gäste aus Berlin, Hannover und Karlsruhe, allesamt Musikamtsvertreter. Personenkreise jenseits der lokalen Musikszene und NS-Vertreter/innen auf nationaler Ebene hat es offenbar nicht angelockt.

Ablauf der Silcherfeier (Transkription Programmheft):

Cover des Programmheftes, Fotografie SL

22. Juni 1939; 20:30 Uhr: Öffentlicher Vortrag zum Leben, Werk und Bedeutung Silchers.

Der Vortrag von Dr. Karl Leucht wird im Rahmen der Volksbildungsstätte der «Kraft durch Freude» Vereinigung Tübingen am Musikinstitut der Universität Tübingen in den Räumlichkeiten des Pfleghofs gehalten.

24.06.1939 Musikalische Vorabendfeier im Festsaal der Universität

Den Auftakt bildete eine Ansprache Hans Rauschnabel

Folgende Mitwirkenden haben die unten genannten Lieder Silchers in unterschiedlicher Konstellation aufgeführt: Männerchor «Sanktus» (J.S. Bach), Männerquartett: «Frisch gesungen» (Chamisso), «Sehnsucht» (aus Herder: Stimmen der Völker) und «Klage» (Schottische Ballade); Männerchor des Tübinger Sängerkranzes (Leitung Konzertsänger Hermann Achenbach), Kammervirtuose Fritz Jungitsch (Flöte), Hermann Munk (Sänger zur Laute), Hans Ziegler (Klavier), Silcher-Doppelquartett des Sängerbundes Hechingen, Chormeister Wollishauser.

Folgende Stücke Silchers und anderer Komponisten wurden vorgetragen:

Der Schäfer

Liebesschmerz

Russischer Vespergesang

S’ Blümeli (Schweizer Lied)

Serenade an Selma

Volkslied Schöne Minka, ich muss scheiden

In der Ferne (Schlippenbach)

Lebewohl (aus des Knaben Wunderhorn)

Ännchen von Tharau

Das Gedenken

Ade (nach Arnth)

Liebesqual

Schäferleben

Juhei, Blümelei

Nachtgesang

Der Liebe Macht

(unverständlich)

Rosmarin und (unverständlich)

Zur Ehr

Die Prager Schlacht

Danach informelles Beisammensein im Gasthaus Ochsen mit weiteren musikalischen Darbietungen von verschiedenen Vereinen.

25.06.1939, 09:30 Uhr Kranzniederlegung am Grab Silchers

Die Kranzniederlegung erfolgte wieder durch die drei Träger-Instanzen auf dem Stadtfriedhof mit Nachfahren Silchers. Gesungen: Bardenchor «Stumm schläft der Sänger» durch die vereinigten Gesangsvereine Tübingen

25.06.1939, 10:30 Uhr: Morgenfeier im Festsaal der Universität

Vorgetragen wurden die untenstehenden Stücke von denselben Gesangsgruppen wie am Vortrag, außerdem traten das Akademisches Orchester der Universität und die vereinigten Tübinger Männerchöre auf. Es erfolgte eine Rundfunkübertragung durch den Reichssender Stuttgart. Hans Rauschnabel hatte anlässlich der Morgenfeier selbst Chorstücke im Silcherstil geschrieben, von denen einige durch die Männerchöre interpretiert wurden. Daneben verrät das Musikprogramm, dass auch einige andere Komponisten gespielt wurden.

Prof. Hoffmann: Worte des Gedenkens, Ansprache

Ouvertüre in Es-Dur für Orchester

Männerchöre und Soli:

Vorspruch an Friedrich Silcher (Rauschnabel-Komposition)

Ehrenvoll ist er gefallen

Mahnruf (Theobald Kerner)

Zum Ausmarsch (E.M. Arndt)

Ich hatt’ einen Kameraden

Klage (Maher)

Das Vöglein (Alwin)

Aus den Hohenstaufenliedern («Barbarossa» und «der Mutter Ahnung»)

Ach, du klarblauer Himmel (Robert Reinick)

Ich habe den Frühling gesehen

Der Mai tritt ein mit Freuden

O Maidle du bist mein Morgenstern

Mir ist’s zu wohl ergangen

Lob des Frühlings (Satz von Rauschnabel nach Uhland) [Anm. AB: Mendelssohn-Plagiat?]

Frühlingsahnung (Satz von Rauschnabel nach Uhland)

Freu dich sehr oh meine Seele

Eine feste Burg

Der Tod des Ajas

Mittagessen (im Ochsen weil’s so schön war).

25.06.1939, 15:00 Uhr Feierliche Grundsteinlegung des Silcherdenkmals

Die Tübinger Chronik widmete der Grundsteinlegung am 26. Juni eine ganze Zeitungsseite von Lobes an die Organisatoren, die das Erbe des Komponisten bewahren. Dieser und andere Dokumente aus dem Tübinger Stadtarchiv offenbaren, wie die Aneignung des Komponisten in der Inszenierung der Veranstaltung erfolgte. Folgender Textauszug aus dem Stück „Der Widerspruch – ein Volkslied“ greift die Rhetorik des Artikels fast wörtlich auf:

Zur Grundsteinlegung gehen die Redner und Parteifunktionäre gemeinsam von der Universität über die Mühlstraße zur Neckarbrücke auf die Platanenallee. Die Stadt ist festlich geschmückt mit Hakenkreuzfahnen und anderer Partei-Folklore, die lokale Bevölkerung steht Spalier und jubelt wie es sich gehört. Es gewittert kurz vor Beginn der Einweihung, es stürmt, weht und flattert, hört aber dann (angeblich) wieder auf. Für Juni ist es erstaunlich kalt. Die HJ-ler und die BDM-Mädels frieren mit ihren nackten Beinen.

Am Grundstein befindet sich ein großes Bild Silchers mit Lorbeerkranz. Die Festgesellschaft steht in Reih und Glied.

In den Sockel des Monuments wird eine Kupferkapsel mit Dokumenten eingelassen. Es wird gesungen und Reden werden gehalten:

Rede Weinmann Bürgermeister: «Silcher ist überall auf der Welt wo Deutsche deutsche Lieder singen“

Dabei gaben sich die Nazis sentimental, offenbar gab es Kritik, sie würden sich für den Tübinger Geschmack zu wenig um Kulturpolitik kümmern. Viele Beteiligte, deren Reden und Grußworte überliefert sind, haben Gedichte geschrieben, um ihre Kulturbeflissenheit zu demonstrieren. Auch Rauschnabel trug Verse bei:

“Deiner Leier Zaubertöne
Wecken neu den Liederborn
Den Germanias Musensöhne
Heiligten im Wunderhorn.
Glückhaft du uns wohlgeboren
Tönest wahr und glockenrein
Sieh, dein Lied bleibt unverloren:
Sangst ins Herz des Volks Dich ein!”

Programmheft und Zeitungsberichte dokumentieren den weiteren Ablauf der Feiern:

Auftakt: Die Ehre Gottes in der Natur (van Beethoven)

Rede des Bürgermeisters Dr. Ernst Weinmann «Silcher ist überall auf der Welt wo Deutsche deutsche Lieder singen» [war ebenfalls in den Text des Stücks eingeflossen]

Rede des Innenministers Dr. Schmid: «Möge dieses Denkmal zeugen von den unvergänglichen Werten der deutschen Seele, denen Silcher Ausbrudt gegeben hat»

Grundsteinlegungsakt (Kupferkapsel wird in den Sockel eingelassen)

Chorvereinigung Tübingen: Sängerwahlspruch

«Führer-Ehrung» und singen der deutschen und österreichischen Nationalhymne

Treffen im Silchersaal der Museumsgesellschaft (Museum) mit Gesangsdarbietungen verschiedener Gesangsvereine.

Welche Narrative der Aneignung lassen sich aus den Quellen herausarbeiten?

  • Offenbar war die kostenintesnive Silcherpflege im überregionalen Kontext durchaus rechtfertigungsbedürftig und es wurde infrage gestellt, ob diese noch zeitgemäß war. Dies zeigt sich darin, dass Silchers Musik mit einem plakativen Militärbezug aufgeladen wurde. Es galt zu beweisen, dass der Biedermeierkomponist kein empfindsamer Softie-Musikus war, sondern beinharte Kampflieder geschrieben hat, die kriegswichtig waren. So betont etwa Innenminister Schmidt immer wieder die die erbauliche Funktion des Silchers (und des geplanten Monuments) für Soldaten.
  • Hans Rauschnabels expliziter Plan war es, Silcher zum Symbol des deutschen Volksliedes und -gesangs zu machen. Es wurde dabei der Charakter des artifiziellen Volksliedes verschleiert, essentialisiert und mit völkischen Ideologien aufgeladen.
  • Die Silcher-Feier wurde zur Selbstdarstellung der Partei genutzt, es war mehr eine NSDAP-Feier mit Silcherthema als wirklich eine Feier zu Ehren Silchers. Anscheinend bestand im kulturaffinen Tübingen ein Legitimationsbedarf daran, dass die NSDAP auch kulturelle Projekte fördert.
  • Der Ton zwischen Rauschnabel und Kollegen während und nach dem Event ist sehr herzlich und feierlich, Silcher und dessen Musik scheinen ihm persönlich sehr viel zu bedeuten.

Quellen:

Anonym (1939): Programmheft: „Tübinger Gedächtnisfeiern für den Altmeister des Deutschen Volksliedes Friedrich Silcher in Jahre der 150. Wiederkehr seines Geburtstages“. Signatur im Tübinger Stadtarchiv: A150/2404-25. Tübingen.


Anonym (1939): Die Tübinger Silchertage am 24. und 25. Juni. Drei große Veranstaltungen werden dem Gedenken an das Schaffen der „Schwäbischen Nachtigall“ gewidmet sein. Signatur im Tübinger Stadtarchiv: A150/2404-27. In: Tübinger Chronik 95, 16.06.1939 (133).


Anonym (1939): Die Tübinger Silcher-Gedächtnisfeiern. Signatur im Tübinger Stadtarchiv: A150/2404-?? In: Tübinger Chronik 95, 24.06.1939 (146).


Kunter, Erich (1939): Das Leben, ein Lied. Friedrich Silcher zum Geburtstag. Signatur im Tübinger Stadtarchiv: A150/2404-33. In: Schwäbische Sonntagspost 4, 25.06.1939 (26), S. 1.


Loistl, Alexander (1992): Die Silcher-Pflege in Tübingen zwischen 1933 und 1945. In: Benigna Schönhagen (Hg.): Nationalsozialismus in Tübingen. Vorbei und vergessen. Tübingen (Tübinger Kataloge, 36), S. 171–178.


Rauschnabel, Hans: Friedrich Silchers Bedeutung für den deutschen Männergesang und für das deutsche Lied. In: Tübinger Chronik (Sonderbeilage zu den Tübinger Silcherfeiern an 24. und 25. Juni).
Rauschnabel, Hans (1939): Friedrich Silcher. Ein Leben. Signatur im Tübinger Stadtarchiv: A150/2404-37. In: Schwäbische Sänger Zeitung 19, 15.06.1939 (12), S. 92–93.


Rauschnabel, Hans (1939): Die Tübinger Silchertage am 24. und 25. Juni. Nr. 133. In: Tübinger Chronik, 16.06.1939 (133).


Rauschnabel, Hans (1939): Silcher, der Romantiker deutschen Volksgesanges. Signatur im Tübinger Stadtarchiv: A150/2404-32. In: NS-Kurier am Sonntag 9, 24.06.1939 (296).


Rieth, Gustav Adolf (1972): Das Attentat. Das Silcher-Denkmal und warum es immer noch steht. In: Tübinger Blätter, S. 65–71.

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