Ist das Kunst oder kann das Weg?

«Denkmäler erzählen wenig von ihrem Inhalt. Sie erzählen viel von ihren
Erbauer*innen und deren Zeit»
Nele Solf, Rede bei der Feier zur
Umwidmung

Die Deutung der Geschichte ist politisch und wie sie geschrieben und erzählt wird, sagt mehr über die Gegenwart aus als über die Vergangenheit, die sie zu beschreiben verspricht. Woran Menschen kollektiv erinnern und welche Ereignisse, Personen, Orte und Taten sie im Gedächtnis bewahren möchten (und welche nicht) spiegelt zeitgenössische gesellschaftliche Fragen weder – und den Wandel, den diese durchlaufen. Monumente, Gedenkstätten, Museen, Jahrestage und Paraden mögen in dem einen Jahr oder Land auf eine bestimmte Art funktionieren, während sie in einem anderen Kontext nur noch Empörung hervorrufen. 

Welche Form der Erinnerung als kitschig oder angemessen, radikal oder routiniert, erlaubt oder tabu gilt, kann sich jedenfalls ziemlich schnell ändern. Das Theaterkollektiv Neue Dringlichkeit hat diesen Prozess für die Rezeption des Volksliedkomponisten Friedrich Silcher und des Tübinger Silcherdenkmals hautnah nachvollzogen – und auch selbst etwas zum fortlaufenden Geschichtsdiskurs um das Erbe der «Schwäbischen Nachtigall» beigetragen. Die Unterlagen zum Stück und seine Rezeption sind in die Akten des Tübinger Stadtarchivs eingegangen. Den Auftakt zu unserer Materialsammlung bilden mit diesem Artikel meine Reflexionen der Historikerin des Kollektivs zum Verhältnis von Geschichtsschreibung, Kunst und Aktivismus gegen Rechtsextremismus.

…kurz vor der Umwidmung des Silcherdenkmals

Geschichte als politisches Handlungsfeld

Geschichte dient vielerlei Akteur*innen mit verschiedenen Weltanschauungen und Erfahrungshorizonten als politisches Handlungsfeld. Häufig geht es dabei um das Sichtbarmachen vergessener und verdrängter Aspekte der Geschichte oder Teile der, deren Stimme auch heute noch eher wenig Gehör findet. So erinnern Orts- und Heimatmuseen an ausgestorbene Handwerksberufe und postkolonialer Aktivismus versucht, mit Stadtführungen und interaktiver Kartografie in Erinnerung zu rufen, dass viele globale Probleme nicht einfach aus dem Nichts kommen, sondern als direkte Folgen der Kolonialverbrechen zu verstehen sind. Vertreter*innen der Herstory gilt es, Frauen als handlungsmächtige Akteur/innen in einer männlich dominierten Historiografie sichtbar machen und auch viele marginalisierte Gruppierungen erkennen in der Auseinandersetzung mit der Geschichte ein emanzipatives Potential. 

Auch die Auseinandersetzung mit der Zeit den Nationalsozialismus, den damaligen Verbrechen, Ermordeten und Geschädigten sowie den Koninuitäten, die gar bis in die Gegenwart reichen können, liefert vielen Akteur/innen ein aktivistisches Handlungsfeld. Die populären Fragen „Wie konnte es zu diesen Verbrechen kommen?“ – „Hätte der Nationalsozialismus verhindert werden können?“ und „Kann sich die Geschichte wiederholen?“ treibt viele insbesondere in ihrer Arbeit gegen extremistische und menschenfeindliche Tendenzen in Gesellschaft und Politik an. Welche Rolle die Künste in den totalitären Zeiten des NS und den entsprechenden Ideologien spielte, wie insbesondere die Musik zur Manipulation von Menschen genutzt wurde, ist Gegenstand des hiesigen Theaterstücks.

In Deutschland haben insbesondere Geschichtswerkstätten und andere lokale Geschichtsinitiativen seit den 1970er Jahren unermüdlich dazu beigetragen, NS-Verbrecher*innen und ihre Taten aus der Verdrängung zu reißen und zu zeigen, dass diese häufig von ganz normalen Bürger*innen deutscher Kleinstädte und Dörfer begangen wurden. Viele Stolpersteininitiativen, Gedenkstätten, Informationstafeln, Lehrmittel, Stadtführungen und Museumsausstellungen gehen auf diese weitestgehend ehrenamtlichen Bemühungen zurück und gerade in Tübingen wäre die Aufarbeitung der Lokalgeschichte ohne die jahrzehntelangen Bemühungen der Mitglieder nicht möglich gewesen.  

Die Künste spielen neben den Geschichtswissenschaften und ihren staubigen Archiven eine maßgebliche Rolle in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte. Künstler*innen gestalten nicht nur Monumente und kuratieren Ausstellungen, sondern setzen sich auch in Film, Literatur, Musik – und auch Theaterproduktionen – mit historischen Themen auseinander. Dabei stolpern sie oft sprichwörtlich über die Werke ihrer Vorgänger*innen und sehen sich daraufhin fast gezwungen, sich mit diesen (häufig kritisch) auseinanderzusetzen. 

Dies ist auch den Mitgliedern der Neuen Dringlichkeit passiert, als sie nach einer Aufführung in Tübingen über die hiesige Platanenallee flanierten und den steinernen Klotz in seiner Thingstätte entdeckten, der seit 1941 Spaziergänger*innen den Weg versperrt. Ein Blick auf die benachbarte Stele der Tübinger Geschichtswerkstatt verriet ihnen, dass es sich um eines der wenigen Monumenten aus der NS-Zeit handelt, das heute noch im deutschen Straßenbild vorhanden ist. Und tatsächlich: stilistisch trägt es eindeutig die Handschrift eines Auftragskünstlers, der dem völkischen Kunstverständnis und den ziemlich genauen Vorstellungen des NSDAP-Kreisleiters verpflichtet war.

Selbstverständlich waren die Mitglieder der Neuen Dringlichkeit nicht die ersten, die das Monument zum Nachdenken anregte. Generationen von Tübinger*innen und «Neigschmeckten» haben das Monument und seine Geschichte in Leserbriefen im Schwäbischen Tagblatt diskutiert, verhüllt, im Stadtarchiv nachgeschlagen, Gutachten erstellt, besichtigt, beschmiert, restauriert, vermessen, verwünscht, verteidigt und vergessen. Friedrich Silcher selbst, der in der Biedermeierzeit vor allem durch die Komposition vierstimmiger Chorwerke und als erster Musikdirektor der Universität eingesetzt wurde, wird bis heute als eine der bekannten und positiv besetzten Persönlichkeiten (um nicht «Söhne» zu sagen) der Stadt angesehen. Die Silcherpflege gehört somit seit seinem Ableben anno 1860 fest zum Tübinger kulturellen Erbe.

„Zum 150. Geburtstag von Friedrich Silcher im Jahr 1939 war die Frage, was für eine Feier man ihm zu Ehren veranstalten könnte. Der Kreisleiter der NSDAP Hans Rauschnabel — der als Chorsänger selbst mit Silchers Liedern wohlvertraut war — meinte nun, es bräuchte ein neues „zeitgemäßes Denkmal“ für den Komponisten. Das bestehende Denkmal — ein roter Obelisk — mutete den Nazis zu französisch an“. Liliane Koch, Text zum Stück, Rede zur Vereinnahmungsfeier.

Wie mit Silcher und seiner Musik umgegangen wird, wofür sie steht und was auf ihn projiziert wird, hat sich allerdings im Laufe der Zeit ganz schön gewandelt. Wie die Mitglieder der Neuen Dringlichkeit feststellten und in ihrer künstlerischen Arbeit diskutieren, wurde Silcher vor allem von völkischen und nationalistischen Kräften angeeignet. Die Mitglieder der Neuen Dringlichkeit setzten sich mit diesem Teil der Geschichte kritisch auseinander, indem am 5. Januar 2020 das Monument zum «Mahnmal gegen die Vereinnahmung der Künste durch rassistische und nationalistische Kräfte» in einer öffentlichen Performance umgewidmet wurde.

Formen von Aktivismus im digitalen Zeitalter

Den vergessenen Aspekten, Orten und Persönlichkeiten der Geschichte abseits der großen Erzählstränge und spektakulären Ereignisse ein Gesicht zu geben, findet nicht nur im analogen, sondern auch im digitalen Raum statt. Auch im Kontext des Stückes haben wir auf zweierlei Formen digitalen Aktivismus bedient: in Form von Sichtbarmachung des Silcherdenkmals und seiner Geschichte auf verschiedenen Internetportalen und der kritischen Auseinandersetzung mit rechtsextremen und neofaschistischen Tendenzen in der digitalen Popkultur. Nicht zu vergessen, dass dieses Online-Selbstarchiv natürlich auch diese Absicht wiederspiegelt.

Das Internet hat das Reiseerleben leichter gemacht: Dank Tripadvisor, Google Maps und zahllosen Reiseblogs ist es längst kein Hexenwerk mehr, die interessantesten Sehenswürdigkeiten eines Ortes herauszufinden und auch Geheimtipps sind längst nicht mehr allzu geheim. Die Sichtbarkeit von Orten im digitalen Raum trägt maßgeblich zur Tourismusentwicklung einer Region, Stadt oder sogar Dörfern bei. Wer sich im Internet durch ansprechende Bilder und ein geschicktes Storytelling präsentieren kann, kann Besucher*innen auch an entlegene, unspektakuläre oder sogar hässliche Orte locken. 

Das Storytelling ist dabei vermutlich noch wichtiger als die Fotos, denn wer genießt es nicht, einen unscheinbaren Ort zu besuchen und zu erfahren, dass dort einst schier unglaubliches geschehen ist. Die US-amerikanische Reisefirma Atlas Obscura hat sich diesen touristischen Appetit für das Besondere zum Geschäftsmodell erklärt und auf der Seite können User*innen auf einer digitalen, interaktiven Weltkarte ihre «hidden wonders» teilen. Um einen kleinen Eindruck zu bekommen: Ich selbst habe dort etwa Einträge für den weltweit vermutlich einzigen «ausgestopften» Wal (alle anderen sind normalerweise Nachbildungen oder Skelette), die erste Tankstelle der Welt (eine Apotheke) und Audrey Hepburns Grab geschrieben. Selbstverständlich durfte auch Silchers Monument auf dieser Seite nicht fehlen, wo sonst lässt sich denn heute noch originale Nazi-Kunst begutachten?

Selbstverständlich habe ich mich daraufhin auch als Wikipedia-Autorin versucht und den bislang nicht vorhandenen Eintrag über das Silcherdenkmal verfasst. Zuerst hatte ich es mir ziemlich schwierig vorgestellt, dort publiziert zu werden. Mit den zahlreichen Originalquellen aus dem Tübinger Stadtarchiv, einem gründlich geschriebenen Text und einem digitalen Mentor war es dann aber erstaunlich einfach und nach zwei Tagen schon veröffentlicht. Daraufhin habe ich auch die Einträge in der TUEpedia (Tübingens eigenes Stadtwiki) ergänzt.

Das Silcherdenkmal wurde 2016 mit einer Informationstafel (Stele) der lokalen Geschichtswerkstatt versehen, die über die Aneignung des Komponisten Silchers durch lokale Nazi-Funktionäre thematisiert und eine erste, kleinere Informationstafel aus dem Jahre 1995 ersetzte. Die Sichtbarmachung des problematischen Erbes der Sandsteinfigur funktioniert im analogen Raum somit sehr gut, im digitalen war es darum aber noch eher dürftig bestellt. Auf Instagram posieren Tourist*innen vor dem Monument und in Google Maps Bewertungen wurde ziemlich unbedarft die beeindruckende Bauart des Monuments gelobt. Wir haben daraufhin selbst mehrere Bewertungen, Posts und Markierungen verfasst, die in den Suchfeeds für ein ausgewogenes Bild sorgen sollen und das Monument neben den übrigen Tübinger Sehenswürdigkeiten prominenter hervorzuheben.

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